Francisco Correa Lira
Malerei

 

Francisco Correa Lira ist ein Meister der spielerischen Täuschung und der ironischen Irritation. Da malt er einen zierlichen Sessel, ein Fauteuil, zwar etwas verloren im Raum platziert, aber dennoch einladend, auf einem hübschen Fliesenboden vor der Wand stehend. Man würde gerne Platz nehmen. Doch Vorsicht! Setzen Sie sich bloß nicht hin! Dieser Stuhl hält nicht, was er auf den ersten flüchtigen Blick verspricht. Seine Beine sind wackelig und zerbrechlich. Der „Große Stuhl“ würde unter dem Sitzenden zusammenbrechen. Vielleicht deshalb lässt der Künstler den Stuhl leer, kein Mensch nimmt darauf Platz.
 
Dabei weiß Francisco Correa, wie man richtige, stabile Stühle zeichnet. Er hat es in seiner Heimat Chile als Produktdesigner gelernt. Doch es geht ihm schon lange nicht mehr darum, künstlerische Vorlagen für funktionierende Möbel anzufertigen. Seit über 10 Jahren arbeitet er als freier Künstler nach einem Grafikdesignstudium in Münster. Seit dieser Zeit variiert er seine beide großen Themen: Bäume und Stühle in meist verhaltener Farbigkeit. Ein bisschen Design gibt es zwar immer noch z.B. in der perfekten, glatten Umsetzung eines schönes Kachelmusters oder der präzisen Oberflächenbehandlung jedes einzelnen seiner ungezählten, seriell wirkenden Bäume. Aber anders als im Design geht es eben nicht darum, Form und Funktion in eine perfekte Symbiose zu bringen. Correa bedient sich nur der Technik, ihrer besonderen Ästhetik, um seine Scharade zu vollenden.
 
In einem seiner jüngsten Gemälde mit dem Titel „Landschaft“ beherrscht ein fast altmeisterlich gemalter Himmel – Fragonard oder Watteau würden zu den vollendeten Wolken applaudieren – die Hälfte des Bildes. Schön sieht das aus, gekonnt der Umgang mit Öl oder Acryl auf Leinwand. Darunter die Landschaft mit Bäumen, zum Himmel begrenzt durch eine kaum erkennbare Horizontlinie mit winzigen Vulkanen, eine kleine Reminiszenz an seinen letzten Chilebesuch. Das alles könnte ja schon genügen für ein gutes Bild.
 
Doch dieser leicht schwefelgelbe Himmel lässt den Betrachter nicht los und schließlich offenbart der zweite oder vielleicht dritte Blick zwei winzige Kampfflugzeuge, die ganz feine Kondensstreifen hinter sich herziehen. Es ist dieser Moment der Irritation, die vage Andeutung einer Bedrohung durch vergehende Kondensstreifen und winzige Vulkane, die Correas Bilder herausheben aus einer nur ästhetisch überzeugenden Darstellung seiner Themen. Er spielt mit den Motiven der Idylle, wie sie Wolken mit Landschaft (oder auch umgekehrt) widerspiegeln, um sie dann zu brechen. Und gerade die glatte Ästhetik seiner perfekt gemalten Bäume, bei denen sich jeder vom anderen unterscheidet und doch in der seriellen Anhäufung seine Individualität verliert, akzentuiert diesen Widerspruch eindringlich. Einfach gesagt: Man würdigt den einzelnen Baum vor lauter Wald nicht, das Individuum nicht in der Masse – und genau darauf scheint uns Francisco Correa lakonisch hinzuweisen, wenn wir es denn sehen wollen.
 
Wie zum Greifen wirken die Bäume, deren hundertfache Vollendung dem Künstler oft genug einen schmerzenden Rücken beschert. Sie werfen kleine Schatten, stehen karg in der leeren Fläche und verbergen doch an ihrem Stämmchen Miniatursoldaten. In „Game 1 und 2“ führt uns Correa erneut und beinahe beiläufig in seine Schule des Sehens, die uns zum genauen Hinschauen zwingt. Und wieder bleibt nach der intensiveren Betrachtung des Bildes eine unbestimmte Beklommenheit; lauernde Soldaten können nichts Gutes bedeuten. Wer länger vor dem Bild verweilt, spürt die Spannung des Szenarios wachsen, das wie die erste Einstellung eines uns unbekannten Drehbuchs anmutet, dessen folgende Sequenzen jeder mit seinen eigenen Erinnerungen und Assoziationen weiter schreiben kann.
 
Gerne vergleicht Correa sein Arbeiten mit Begriffen aus der Musikwelt wie Leitmotiv und Phrasierung. So wirken die Bäume auch wie einem eigenen Rhythmus folgend, einer gemalten Melodie gleich, deren Notenlinien unsichtbar bleiben, die Komposition der Bilder aber dennoch feste Strukturen geben. Da wundert es nicht, dass der Künstler klassische Musik liebt, die er oft während des Arbeitens hört.
 
So aufwändig und gekonnt „altmeisterlich“ Correas Malprozess auch wirkt, so wenig bedeuten ihm andere Errungenschaften der klassischen Malerei. Die Zentralperspektive zum Beispiel findet er langweilig und viel zu mühsam. Er malt oft aus der Vogelperspektive, eine kleinere Baumreihe am Horizont muss genügen, um Tiefe im Bild zu erzeugen. Und es gelingt ihm tatsächlich, mit derart bescheidenen Zeichen den Raum vom Standort des Betrachters bis zum Horizont und darüber hinaus zu spannen.
 
In seinen Stuhlbildern spielt der Künstler gerne mit der Perspektive. Die Arbeit „Konferenz“ zeigt einen großen Stuhlkreis in der Aufsicht, zugleich sind die auf dem rahmenden Paketklebeband gemalten Stühle so aufgestellt, als ob man sie in der Mitte der Runde stehend betrachtet. Andere Bilder sind Bühnen gleich angelegt oder suggerieren Raum nur durch verschiedene Oberflächen und Schatten, die aus dem Nichts zu entstehen scheinen.
 
Doch wie auch immer Correa seine Bilder gestaltet: er verzichtet zuverlässig auf die Darstellung von Menschen – bis auf die winzigen Soldaten, die er seit neuestem in die Szene einschmuggelt. Bisher brauchte er Menschen nicht, ihm reicht die Suggestion. So ordnet er zwei Sessel gegenüber an, einander zugewandt wie zwei Gesprächspartner, die gerade einmal kurz raus gegangen sind. Auf den Sitzflächen meint man noch die Wärme der Körper zu spüren. Ganz zuverlässig funktioniert dabei die Imagination des Betrachters – auch bei den Konferenzbildern. Es reicht ein einziger verschobener Stuhl, um den Eindruck einer gerade unterbrochenen Besprechung zu erzeugen. Deren Teilnehmer haben den Raum für einen Moment verlassen, zurückbleiben riesige, kommunikationsfeindliche Tische – von Stühlen gerahmt. Da wo Dialog sein sollte, herrscht oft genug trotz vieler Worte Unverständnis, Sprachlosigkeit. Da müsste eigentlich kein Mensch hingehen. Francisco Correa hat Wirklichkeiten, die man sich nicht eingestehen möchte, nur konsequent zu Ende gedacht.
 
So hat der Künstler einen politischen Ansatz, biografisch geprägt und geschärft durch eine reflektierte Weltsicht. Er sieht das Individuum oft verloren und ohnmächtig den Regimen ausgesetzt, ohne Anker und Halt in unserer Welt. Sei es zwischen den dicht gedrängt stehenden grünen Bäumen eines Rotkäppchenwaldes, verloren und überflüssig zwischen den schattenhaften Stuhlreihen oder den im Kreis gepflanzten Plantagengewächsen, die er beim Überfliegen Brasiliens gesehen hat.
 
Weiter mag ich nicht gehen mit dieser Ausdeutung, da der Künstler sehr eloquent darüber schweigt und sein Engagement lieber in die Bilder legt. Dort sprechen Stühle und Bäume ihre eigene Sprache, werden beseelt und belebt durch die Hand des feinsinnigen Malers. Kein Mensch ist da, aber wir wissen ihn hinter den Dingen. Er scheint verzichtbar und ist doch Realität, ist vielleicht sogar das eigentliche Thema Francisco Correas. Glauben Sie an einen Zufall, wenn Sie hören, dass der Künstler schon seine Diplomarbeit über die Menschenrechtserklärung ganz ohne Menschen gestaltet hat?
 
Auch bei dem rumänisch-französischen Meister des absurden Theaters, Eugène Ionesco, bleiben die „Stühle“ in Wirklichkeit leer. Doch die Suggestion des Hausmeisterpaares belebt sie, bis am Ende wahrhaftig ein Mensch da steht.
Warten wir ab, wie weit Francisco Correa unsere Imagination noch herausfordern wird.
 
 
Dr. Barbara Hausmanns, Kunsthistorikerin