
Farbmalerei /// Tinka von Hasselbach
Tinka von Hasselbach, Kunstpreisträgerin der Stadt Bonn, zeichnet sich durch einen virtuosen Umgang mit Farben aus, die sorgfältig und in unzähligen Schichten übereinander aufgetragen, das Bild ergeben.
Es kommt eher selten vor, dass die Arbeiten einer Künstlerin einen zunächst ganz sprachlos machen. Bei Tinka von Hasselbach ist es so. So hat mich anfangs irritiert, wie eins und untrennbar die Malerin und ihr Werk sind. Und dann, wie weit die Wege sind, die sie von dem Moment der Inspiration bis zum Auftrag der Farben auf die leinwand geht. Das erfährt man, wenn man sie in ihrem Oberkasseler Atelier besuchen darf. Dort steht Tinka von Hasselbach – umgeben von einem Frühlingsparadies – und spricht so klar und beseelt von ihrer Malerei, dass dem professionellen Frager erst einmal die Worte fehlen. Und da stehen und hängen Bilder, die den Geist ihrer Schöpferin ungemein eindrucksvoll spiegeln und möglicherweise gar nicht erklärt werden müssen.
Tinka von Hasselbachs Werk, von denen wir heute eine Auswahl der letzten zehn Jahre sehen, muss man mit der Seele sehen, um ihnen näher zu kommen. Es sind alles abstrakte Arbeiten, große souveräne Farbflächen, die für sich stehen. So wie ihr ganz aktuelles Bild “Vorfrühling”, das raumfüllende Hochformat im Treppenhaus. Unermüdlich hat die Künstlerin immer wieder stark verdünnte Acrylfarbe in Schichten mit einem breiten Treiberpinsel aufgetragen. Während des Malprozesses liegt die Leinwand nicht auf dem Boden, sondern sie hängt oder steht. Das bedeutet bei solch großen Formaten, dass sich die Malerin dem Bild in einer Kraftanstrengung mit der Leiter nähern muss. Dafür kann die Farbe fließen und der Bildoberfläche eine ganz besondere Struktur verleihen. Es entsteht – wie die Künstlerin es selbst formuliert – eine Farbskulptur, deren Oberfläche der radikalen Reduktion, der völligen Verdichtung geschuldet ist.
Über lange Zeit hat Tinka von Hasselbach mit Eitempera gemalt, erst vor kurzem ist sie zu Acryl gewechselt. Dabei gelingt es ihr durch die starke Verdünnung ähnlich wie bei dem zuvor bevorzugeten Werkstoff samtige, stark irrisierende Oberflächen zu erzeugen. Durch den konzentrierten, intensiven Farbauftrag entsteht die ungeheure Strahlkraft ihrer Bilder.
Frühling, Aufbruch – das jährlich wiederkehrende Werden der Natur beschäftigt die Künstlerin seit Jahrzehnten und wirkt für sie zugleich wie eine verlässliche Rückversicherung des ewigen Prozesses der Schöpfung. “Ich beobachte das Wachsen, die Jahreszeiten, ganz genau. Übertragen auf den Prozess meiner Arbeit entwickelt sich die Farbe von einem dunklen Grund Schicht für Schicht zu lichter Farbigkeit, so wie eine Pflanze, in der dunklen Erde verwurzelt, ihre leuchtenden Blüten dem Licht entgegen öffnet. Auch die Alten Meister haben ihre Gemälde auf einem dunklen Grund aufgebaut und zum Licht erhöht”, beschrieb Tinka von Hasselbach ihre Annäherung an ein Bild im Jahr 2004.
Die Kunstpreisträgerin der Stadt Bonn (1996) macht sich immer wieder auf den Weg, auf Reisen, um die gerade zitierten Momente des Innehaltens und der Kontemplation erreichen zu können. Umbrien, die Toskana und oft genug der Lago Maggiore sind u.a. solche Orte der Ruhe, die sie inspirieren. Hier sammelt Tinka von Hasselbach fotografische, zeichnerische und textliche Skizzen, hält die Kunst alter Meister wie Piero della Francesco oder Sandro Botticelli im Herzen und im Geist, aber auch ganz real auf Fotos fest.
Ihre fotografischen Notizen bringt sie dabei auch in Beziehung zu ihrer malerischen Bildformung wie in der dreiteiligen Arbeit “La Primavera”. Einem fotografierten Detail aus Botticellis berühmten Bild werden zwei monochrome Farbflächen in hellen und dunklem Blau an die Seite gestellt. Die mit Eidotter gemischten Farbpigmente sind in ungezählten Schritten auf die Leinwand geracht worden. Leuchtend, strahlend blau verstärken die kleinen Tafelbilder den fotografierten Gemäldeausschnitt und umgekehrt. Farbe wird hier ganz autonom – auch als Referenz an die “Farbradikalität” des alten Meisters.
Schon seit 1970 ist für Tinka von Hasselbach die Fotografie ein Teil ihres künstlerischen Tuns. Ihre klassische Ausbildung als Malerin steht dazu nicht im Gegensatz. Die Fotografie begleitet eher die Malerei, hält Natureindrücke- und Stimmungen als eine Art “Gedächtnisspeicher” fest.
So nachdenklich, behutsam, aber zugleich ungemein klar uns Tinka von Hasselbach als Mensch begegnet, so zeigt sie sich uns auch als Malerin. Ihr ganzer künstlerischer Ausdruck wirkt dabei überwältigend authentisch, ihre persönliche Entwicklung von der gestischen, nach außen gewandten Malerei zur reinen Farbe ist so logisch und nachvollziehbar. Sie reizt das Spiel mit dem Licht, “das Werden eines Farbkörpers”, der energetische Austausch mit dem Betrachter.
Wenn wir uns darauf einlassen, dann betrachten wir diese Bilder mit der Seele – sehen auf einmal Himmel und Erde auf diesen Leinwänden und noch viel mehr. Wir erkennen “innere und äußere Landschaften” vor unserem Auge.
Es ist dies, was den Reiz von Bildern wie “Vulcano” ausmacht. Hier hat sich Tinka von Hasselbach “zum Licht durchgerangelt”, wie sie es salopp formuliert. So beginnt sie oft mit einem Eisenoxydrot als Basis für ein leuchtendes Gelb oder Rot, als “Grung für helle, transparente, vibrierende Farbflächen” wählt die Malerin häufig ein Indigoblau wie u.a. bei der großen Arbeit im Treppenhaus. Am Ende dieses Malprozesses, der synonym mit einem inneren Prozess bei der Künstlerin ist, stehen subtile und vielschichtige Farbflächen. So betrachtet handelt es sich auch nicht einfach um monochrome Bilder, wie der erste flüchtige Eindruck es suggerieren könnte.
Deshalb helfen bei dem Verständnis der Bilder Tinka von Hasselbachs auch scheinbar nehe liegende kunsthistorische Einordnungen oder Vergleiche kaum weiter. Die formale Nähe zu amerikanischen Farbmalerei zu betonen, würde denn auch eher wie ein lieblos draufgepapptes – und absolut irreführendes – Etikett anmuten. Eher sollte man sich einlassen auf die sinnlichen und starken Arbeiten einer ungewöhnlichen Frau, die sehr in sich zuhause ist.
So wie die amerikanische Malerin Georgia O`Keeffe, der als erste Frau 1946 im berühmten New Yorker MOMA eine Ausstellung gewidmet war, es treffend für ihre künstlerische Existenz ausdrückte:
“I feel like myself – and I like it”.
Dr. Barbara Hausmann, 16.5.2008
