
Kalligraphische Annäherung an eine vergessene Kultfigur
by Ilu K. Mallin
Zum Mythos der Baba Yaga
Schon der Name Baba Yaga ist ein Widerspruch in sich. Baba bedeutet in vielen Sprachen Väterchen, aber die Yaga ist weiblich.
Bekannt ist diese Figur aus russischen oder slawischen Märchen, in denen sie viele sehr widersprüchliche Aspekte zeigt, aber grundsätzlich jedenfalls keine Hexe – sondern ein viel mächtigeres Wesen ist: mal ein bitterböses, Menschen tötendes Geschöpf, mal eine weise alte Heilerin, die alle Kräuter und Gifte kennt, mal eine Verführerin starker und mutiger Helden und vor allem immer wieder die Hüterin des Feuers, vergleichbar mit der viel später in der Kulturgeschichte des Menschen entstandenen grichischen Hestia, die aber nur diese eine Funktion hatte (sogar die Blitze durfte sie nicht bedienen, weil Zeus alleine zündeln wollte !).
Märchen gehen bekanntlich auf Mythen zurück, sind also uralte Erzählformen, in denen sich archaische Vorstellungen kristallisieren. Die Funktionen und die Symbolik der Figur Baba Yaga wurden am Slavischen Seminar der Uni Berlin anhand der russischen Zaubermärchen entschlüsselt.
Man kam zu dem Ergebnis, dass die Yaga aus der matriarchalen Epoche stammt.
Sie hat viele Funktionen:
- Muttergöttin – gleichzeitig Herrscherin über das Totenreich
- Herrin der Tiere – Herrscherin über die Elemente
- Hüterin des Feuers, Mondgöttin, u.v.m.
Die Hüterin des Feuers.
Feuer gilt seit Urzeiten als heilig. Solange es noch außerhalb der Behausung entzündet wurde, handelte es sich um einen reinen Feuerkult. Erst mit der Entwicklung einer festen Feuerstelle im Haus ging der Feuerkult in den Herdkult über. Gleichzeitig wurde die Herdstelle so zum Mittelpunkt der Hausgemeinschaft. Haus und Herd sind heute noch ein identischer Begriff.
Frauen waren schon in den frühen matriarchalischen Kulturen als Wächterinnen des heiligen Feuers bekannt. Das Feuer war damals immer mit dem Mond verbunden, ebenso mit dem Sonnenkult, wobei sowohl Sonne als auch Mond damals noch weiblich besetzt waren. Daher erklärt sich vermutlich die multifunktionale Göttlichkeit der Yaga.
Im russischen Märchen blieb die Yaga als Feuer-Hüterin erhalten. Ihre merkwürdige Unterkunft – die Hütte auf Hühnerfüßen – war von einem Feuerring umgeben.
Dieser bestand aus Totenköpfen in denen das Feuer Tag und Nacht brannte (was in der Nacht sicher besonders attraktiv war – garantiert einbruchsabschreckend). Die Frau, die ihr Feuer hatte ausgehen lassen, musste den beschwerlichen und gefährlichen Weg durch den Wald machen, um Feuer zu holen. Diesen Weg haben nur wenige Frauen lebend überstanden (das bedeutet, die Yaga sortierte gnadenlos aus: dumme oder faule Frauen waren überflüssiges Material für die Evolution der Menschheit).
Einmal angekommen in der Hütte der Yaga mussten noch einige Prüfungsaufgaben bestanden werden, bevor man entlassen wurde in die Heimat. Nur diejenige, die alle Aufgaben lösen konnte und keine Arbeit scheute, bekam am Ende das Feuer-Symbol im Totenkopf, das dann wie eine Trophäe weithin leuchtend nach Hause getragen wurde.
In dieser Geschichte spiegeln sich die Initiationsriten wieder, die junge Mädchen bestehen mussten, bevor sie ihre Aufgabe als Frau wahrnehmen konnten, d.h. diese Feuerprobe diente als Reifungsprozess.
Ich wurde vor kurzem gefragt, ob nicht jede Frau ein Stück Baba Yaga in sich hat? Stimmt, im positiven Fall: Ja!
Wenn wir Frauen heute auch nicht mehr die Herdglut täglich entfachen und bewachen müssen, so sind wir doch immer noch verantwortlich für die Nestwärme in der Familie. Und um diese Wärme verbreiten zu können, muß Frau ihr inneres Feuer täglich pflegen.
Also der Tipp der Baba Yaga: Lassen Sie ihre Flamme nie ausgehen!!!
Ilu K. Mallin
