Miguel Romero /// Entschärfungen
(Foto: Franz Fischer)
Entschärfungen
Wie schon der Name des Künstler Miguel Romero verrät stammt er nicht aus Deutschland (er lebt seit 2008 in Bonn), sondern aus einem mittelamerikanischen Land, Honduras, das gerade in diesen Tagen immer wieder aufgrund der politischen Unruhen in den Schlagzeilen ist. Miguel Romero ist zweisprachig aufgewachsen in Honduras wie aber auch in den USA, wobei er seine ersten künstlerischen Gehversuche in seinem Heimatland gemacht hat und dann an den Kunsthochschulen in Toledo, Ohio und der Montana State University seinen BA bzw. MA in Drawing and Sculptures, Zeichnen und Bildhauerei und Kunstgeschichte zu studiert hat und auch mehrere Stipendien in den USA inne hatte. Vornehmlich aus der klassischen Bildhauerei in Holz und Stein kommend hat er vor allem lange Zeit auch in Bronze gearbeitet.
Das, was wir heute hier in der Ausstellung sehen, sind ganz andere Werke bzw. die Ergebnisse der Auseinandersetzung mit einem anderen Werkmaterial, das eine ganz eigene Ausdrucksweise verlangt und natürlich auch im Gegenzug ermöglicht. Mit wenigen Ausnahmen sehen wir hier aktuelle Arbeiten aus und auf Papier, das dem Künstler als ein besonders flexibles Material gilt, das geknickt, gefaltet, geschnitten werden kann, um dann als Träger für Zeichnungen, Drucke oder Materialcollagen zu gelten. Dabei ist Papier nicht nur ein einfaches, sehr leicht verfügbares Medium und bedeutendes Alltagsmaterial, sondern gilt v.a. auch als extrem zart, fragil und stark vergänglich. Selbst im Zeitalter der neuen Internettechnologie und Email ist zudem Papier nach wie vor DAS klassische Medium der Kommunikation – ob nun als Brief, Bild oder Buch – durch das Botschaften übermittelt werden. Gleichzeitig ist Papier scharf im buchstäblichen wie auch metaphorischen Sinne: es kann einschneidend sein. Und darum geht es auch dem Künstler mit seinen Werken, die hier unter dem Ausstellungstitel „Entschärfungen – Desamamientos“ zusammengefasst sind.
Die vornehmlich heiter und leicht wirkenden Stücke stehen bei näherer Betrachtung für die Reflektion und auch den Kommentar einer Welt, die ganz realpolitisch gerade in seinem Heimatland Honduras von großer Unsicherheit, politischer Willkür und Ohnmacht geprägt ist. Die humoristisch angelegten Papierskulpturen, Bilder und Zeichnung dienen der Entschärfung für den Künstler selbst wie aber auch für den Betrachter.
Hierzu nutzt Miguel Romero bevorzugt auch einzelne Elemente der Comic-Kultur, um zum einen den Betrachter auf diese lockere Weise anzuziehen, gleichzeitig eine verzerrte Realität darzustellen und einen ironischen Kommentar zu setzen. So finden sich bei den ältesten hier gezeigten Arbeiten, einer Gruppe von Tuschzeichnungen verschiedene Tiere (Schmetterlinge, Schnecken, etc.) gemischt mit Bildelementen, die u.a. von Maya-Glyphen beeinflusst sind.
Aber nicht nur bei diesen ‚Maya-Comics’ dient ihm die Schriftsprache der geschriebenen Gedichte in Verbindung mit einer Comic-Ikonographie als ein Mittel auf vermeintlich leichte Weise schwere und ernste Hintergründe darzustellen.
So werden einzelne Icons, die gedruckt oder gestempelt sind, als sequenzielle Versatzstücke gebraucht und finden sich immer wieder auf verschiedenen Arbeiten. Dazu gehört beispielsweise das Motiv einer dick gepolsterten, weich und plüschig anmutenden Couch, die dem Künstler als Metapher für Stabilität, gewisse Form von Wohlstand und Entspanntheit dient. Oder ein rundliches Gesicht, fast ein Smily, mit runden Augen und dicker Nase, das in gedrehter Form gerne in Reihe verwendet wird und ihm als Symbol für Veränderung und Entwicklung steht. Das Prinzip der Serie und der Reihung, wie etwas aufgedruckte Aktskizzen oder die fast wie Morsealphabet anmutende Menschenstrukturen auf dem Hauptmotiv „Raumschiff Krise“, findet sich immer wieder auf den Papierskulturen von Miguel Romero und lädt den Betrachter zum Dechiffrieren und Dekodieren ein.
Als wichtiges Motiv erscheinen des Weiteren immer wieder Landkarten, Umrisse von einzelnen Ländern, wie Honduras, Equador oder Guatemala, die ganz konkret Bezug nehmen auf politische Verhältnisse und die von Menschenhand künstlich über Kontinente gestülpte Grenzen. Länder wie aber auch deren Kartenmaterial vergegenwärtigen dabei eine ideologische geprägte Weltwahrnehmung, die häufig genug nur ein künstliches Konstrukt ist.
Allein schon die Bildtitel lassen erahnen, das die Arbeiten nicht nur eine profan leichte und heitere Anmutung sind, sondern einem deutlich ernstern Hintergrund entstammen: So heißen die Werke „Raumschiffe Krise“, „Die blutige Schnur“, „Zwischen Klammern“ oder „Angst“. Und auch die Gedichte auf den ganz poetisch wirkenden „Liebesbriefe an die verlorenen Demokratie“ sprechen von einer melancholisch- reflektieren Weltwahrnehmung, die gerade derzeit mit einer von Putschversuchen und Unruhen geprägten Land Honduras als Wunschformel auf eine friedlichere Zeit wirken mögen. Bei diesen Liebesbriefen kommt auch den Gedichten als Ausgangspunkt der Arbeit eine zentrale Bedeutung zu: Lassen sie mich an dieser Stelle nur eines beispielhaft kurz zitieren: „weder unser Spiegelbild, noch unsere Sehnsüchte, noch unsere Wut, noch unser Kampf, wir sind etwas das keinen Namen trägt“. Gerade bei dieser Arbeit vermischen sich die Sparten Literatur und bildende Kunst auf engste.
Daneben setzen die fast kindlich anmutenden Skulpturen, denen beispielsweise das Faltspiel Himmel und Hölle oder Papierflieger zugrunde liegen, eine spielerische Leichtigkeit.
Dabei gilt für Miguel Romero insbesondere der Drache als ein Symbol der Freiheit.
Ein zum Himmel aufsteigender Flugdrache steht für Fragilität und eine gelebte wenn auch gebändigte Form von Freiheit, deren Aufstieg nur langsam vorangeht und sehr behutsam bewerkstelligt werden muss. Lässt man den Drachen von der Leine, so stürzt er hingegen ab.
Als wichtige kunsthistorische Einflüsse führt Miguel Romero so große Namen wie Matisse oder auch Piet Mondrian an, an dessen Farbpalette von Rot, Weiß, Schwarz sowie dazu noch Blau und Gelb sich auch nahezu alle Arbeiten hier orientieren.
Zudem lassen die auf heitere, zart, witzig und leicht wirkende Weise umgesetzten Papiercollagen, die einer sehr ernsten und reflektieren Weltwahrnehmung entspringen. an DADA-Kunst erinnern, die ebenfalls eine verzerrt- komische Reflektion und Konfrontation mit den sozialen und politischen Gegebenheiten (damals am Ende des 1. Weltkriegs und der frühen 20er Jahre) war. Auch bei DADA wurde bevorzugt mit Wort und Bild gearbeitet und eine aus den Fugen geratene Welt in Collageform zynisch und ironisch kommentiert.
Auf ganz eigene Weise, beeinflusst von einer klassischer europäischer bzw., amerikanischen Kunstgeschichte wie aber auch mittelamerikanischen oder prekolumbianischer Hinterlassenschaften der Maya-Kultur hat Miguel Romero eine ganz eigene Form gefunden, die Welt zu kommentieren und auf dem einfachen Alltagsmaterial Papier-Botschaften auf den Weg zu bringen.
Kunst ist im besten Sinne subjektive Weltreflektion und stofflich gewordene, gefühlte Wirklichkeit. Mit ihrer Kraft und ihrer Leichtigkeit können die Werke von Miguel Romero dazu beitragen, diese Wirklichkeit zu entschärfen.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche ihnen noch einen spannenden und schönen Abend!
Dr. Gabriele Pieke, Kuratorin Ägyptisches Museum der Universität Bonn
INTIMACIES
In my work the issues I explore most are fear, alienation, and the beauty and fragility of being human. Liberty and happiness are also important as conscious decisions individuals make for themselves. Tenacity’s innate value, its’ ability to stand on its own with no other support but its’ own conviction, make an important part of what I do.
The unspectacular nature of the materials I use (paper, paint, wax, plastic, occasionally metal) supports those ideals: it is the artist’s vision and determination what makes his or her work valuable, and not the technique employed.
Just like human beings, the more vulnerable the artwork, the more ethereal it is; the more flexible it allows itself to be, the stronger it becomes. That is what I think, what I believe. The works in this exhibit express those beliefs, which are what I am—and without comprising all in me, they reveal a bit of all of us. Their enjoyment is purely emotional and intimate, though perfectly shareable.
Miguel Romero
